2013/09/18

Meret Oppenheim. Retrospective / Martin-Gropius-Bau Berlin

Meret Oppenheim hat einmal gesagt, große Kunst sei immer männlich-weiblich. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht so recht. Obwohl die 1913 geborene Künstlerin hier wohl die verkrustete Struktur des Mannes als Künstler und der Frau als Muse anklagen wollte, stellt sich mir vielmehr die Frage, was unter männlicher, bzw. weiblicher Kunst zu verstehen sei. Ist auch in diesem Fall die stereotype Zuordnung von Aggression und Stärke beim Mann, sowie Wärme und Schwäche bei der Frau gemeint?
Um das herauszufinden, begab ich mich eines schönen Septembertages zusammen mit meiner Mitbewohnerin in den Martin-Gropius-Bau in Berlin, der zur Zeit eine Retrospektive anlässlich des 100. Geburtstages Oppenheims zeigt.

Man Ray: Érotique voile (Meret Oppenheim), 1934
Die Ausstellung ist inhaltlich gegliedert, es gibt verschiedene Räume mit Themen, wie beispielsweise Mensch und Natur, Traum oder Männlich und Weiblich. Die Reihenfolge, in der der Besucher durch Oppenheims Werk geführt wird, bzw. der Gesamteindruck der dabei vermittelt wird, erscheint schlüssig und verständlich. Die Ausstellung schließt mit Rezensionen anderer Künstler, es gibt Fotografien, auf denen Oppenheim selbst in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens zu sehen ist, und eine NDR-Produktion, die sich mit dem Schaffen der Künstlerin auseinander setzt.
Wichtiger als Kuration, Aufbau oder Eintrittspreis einer Ausstellung ist aber - wer hätte es geahnt? - der Inhalt.
1936 wird Oppenheim mit ihrer Pelztasse berühmt. Pelz als Material wird sie noch oft verwenden. Seine warme und weiche Haptik bildet im Zusammenspiel mit harten, kalten Materialien wie Porzellan oder Messing eine Metapher für Gegensätze wie Mann und Frau oder Mensch und Maschine (siehe auch Foto von Man Ray).
Zudem verkehrt Oppenheim seit 1933 im Kreise der Surrealisten in Frankreich. Man Rays Fotoserie, zu der auch das links gezeigte Bild gehört, macht sie zur "Muse der Surrealisten". Mit dieser Bezeichnung kämpft Oppenheim in den folgenden Jahren. War sie nicht nach Paris gekommen, um selbst Künstler zu werden? Sind die Rollen Künstler und Muse in einer Person vereinbar? Sie kann sich mit der Rolle der inspirierenden, aber auch passiven Muse nicht identifizieren, ihr schwebt eine eigene Laufbahn als aktiv Schaffende vor. So entscheidet sie sich schon früh für die Kinderlosigkeit, verbindet sie doch mit der Mutterrolle eine vorgeschriebene, einengende Laufbahn. Dieser Entscheidung verleiht sie 1931 mit ihrem Votivbild Würgeengel Ausdruck, dem Werk, das mich persönlich am stärksten angesprochen hat.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Ausstellung Oppenheims klare Meinung, die Werke stecken voller Feststellungen, Aussagen und Anklagen. Dennoch bleibt Platz für eigene Überlegungen, Oppenheim regt an, sich selbst eine Meinung zu bilden.
So komme ich am Ende zu dem Entschluss, dass ich nicht denke, große Kunst habe immer männlich-weiblich zu sein. Vielmehr möchte ich Kunst losgelöst vom Geschlecht des Künstlers betrachten, denn engt die Vorstellung, dass Frauen die Welt auf eine immer gleiche, von Männern differenzierte Art betrachten, nicht fürchterlich ein? Sollte es nicht jedem gleichermaßen vergönnt sein, eine Aussage zu treffen?
Vielen Dank, Meret Oppenheim, dass du mir zu dieser Schlussfolgerung verholfen hast! Mit 72 Jahren bist du viel zu früh gestorben. Ich wäre dir gerne als heute 100-Jährige begegnet, um bei einem pelzigen Kaffee darüber zu plaudern, welche Geschlechterthematiken heute noch aktuell sind und wo es auch im Jahr 2013 noch etwas zu verändern gilt.

2 comments:

  1. wow, die Ausstellung hätte ich auch gerne gesehen. Ich kenne mich mit der Künstlerin kaum aus, aber vielleicht muss man diese Aussage "männlich-weiblich" im Rahmen der Zeit sehen. Nach heutigen Maßstäben wäre sie dann wohl veraltet, aber zur damaligen Zeit waren fast alle großen Künstler männlich und die Rollenbilder sehr viel verhärteter als heute. Vielleicht vermisst sie einfach den (zur damaligen Zeit legitim so zu nennenden) "weiblichen Blickwinkel" in der Kunst ihrer Zeit.

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    1. Ja, das stimmt natürlich, Zitate sollte man immer im Kontext ihrer Zeit betrachten. Gerade das macht solche Themen ja erst so spannend, weil man eben automatisch zu grübeln beginnt, inwiefern die Umstände von damals den heutigen entsprechen, was sich geändert hat, und was es noch zu tun gibt.

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